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27 Oktober 2008

Die Hölle

Für jedes Land gibt es eine Hölle, in Form eines Kessels in dem das Höllenfeuer lodert. Da kommen dann die bösen Leute rein. Jeder Kessel wird von Wärtern bewacht, so dass keiner einfach rausklettern kann. Für -ein- Land sind keine Wärter notwendig: Afghanistan.

Wenn Stundenten besonders gut sind und deswegen speziell gefördert werden, dann erzeugt das Neid. Und das ist hier wohl eine ganz schlechte Voraussetzung. Kritik oder Probleme bekommt man im Grunde gar nicht zu hören, jedenfalls nicht direkt. Die Leute sind freundlich, wenn sie mit einem reden! Zu jedem! Was dann allerdings hinter den Rücken ausgetragen wird, das geht auf keine Kuhhaut. Ellenbogen kein Ausdruck dafür! Konflikte gemeinsam zu lösen, funktioniert nicht oft.

So passen alle schön auf, daß sich auch ja keiner besonders abhebt. Ein Vorankommen im Sinne von Kooperation scheint da nur schwer möglich.

Außerdem gibt es einen guten Buschfunk hier. Wenn da wer eine Information streut, wissen es spätestens nach 1h alle anderen. Allerdings ist der Umgang mit Information seht interessant. Wenn man jemandem sagt, bitte spring aus dem Fenster, wird er sich frühestens während des Falls fragen, ob das jetzt auch wirklich die richtige Idee war. Wenn man auf die Frage, ob die Klausur schwer wird, mit "Ja, teil, teils..." antwortet, wird daraus hintenrum ein: "Der will uns alles durchfallen lassen" gemacht. Das wird dann auch schonungslos so weitergegeben. Keiner denkt darüber nach.
Aus der Information, daß im IT-Center der Uni 70 Rechnerarbeitsplätze enstehen, werden mal eben ganz schnell 100 Plätze und noch viel mehr....

15 Oktober 2008

Leben hier, Uni und sonst

Der Unterricht läuft super. Ich habe bis jetzt acht Vorlesungen gehalten und zwei Übungsblätter aufgegeben. In jeder Vorlesung habe ich auch einen praktischen Teil, den die Studenten gruppenweise bearbeiten sollen. Anschließend stellt ein Sprecher der Gruppe die Ergebnisse vor. Das Problem, mit dem ich mich anfänglich konfrontiert sah, ist bis auf weiteres beseitigt: Es wurde gesagt, daß es unheimlich schwierig sei, daß die Studenten vermitteltes Wissen auf ähnliche Probleme anwenden können. Allerdings kamen bis jetzt immer gute Lösungen, die wohl durchdacht waren. Ich plane nun ein kleines Modellierungsprojekt mit anschließender Implentierung in Java. Die Aufgabe wird darin bestehen, ein Schienennetz mit einem zweigleisigem Bahnhof zu modellieren. Das System enthält 3 Züge, die sich abhängig von Ampeln und Weichenstellungen auf dem Netz in eine Richtung bewegen können. Ich bin gespannt wie weit ich mit den Studenten komme.

In der restlichen Zeit, die ich an der Uni verbringe, bereite ich nicht nur Vorlesungen, Beispiele und Übungsaufgaben vor. Jeden Tag mache ich einen «Rundgang», begrüße Studenten und quatsche mit ihnen. Der Rundgang dient eigentlich dem Überwachen des Fortschritts (und der Adäquatheit) der Baumaßnahmen im ITCH. Das ist neben der Vorlesung Teil meiner ONE TWO THREE FOR FIVE SIX SEVEN EIGHT NINE zweiten Aufgabe. Außerdem muß das ITCH-Projekt koordiniert werden. Das heißt, es sind teilweise Änderungen des Bauplans zu besprechen (Verkleidung der Decken-Rohre, Aufhübschung einzelner Wände und Türen). Diese Änderungen müssen mit dem Bauleiter und der Weltbank abgesprochen werden. Für den Weg von der ersten Etage in den Keller würde man keine zwei Minuten einplanen. Aber ich brauche dafür mindestens eine halbe Stunde. Immer wieder kommt man mit Studenten unserer und anderer Fakultäten in Kontakt. Dabei erzählen sie mir afghanische Gegebenheiten, fragen aber vielmehr nach dem Leben in Deutschland. Wie schnell dort die Internetverbindungen sind, wie das Studium dort strukturiert ist und worin der Unterschied zwischen afghanischen und deutschen Studenten besteht.

Viel konnte ich zur letzten Frage noch nicht antworten. Allerdings habe ich beobachtet, daß die Umsicht und die Aufmerksamkeit um einiges größer ist als in Deutschland. Der Straßenverkehr wie er hier läuft, würde in Deutschland im Chaos enden. Hier hat man den Eindruck, daß alle Leute ein zweites Augenpaar im Hinterkopf haben. Das "rechts überholen" oder "Ampel bei Rot überqueren" dient nicht dazu, Erster zu sein, sondern lediglich schnell zu sein. Dabei kam es aber noch nie zu einer gefährlichen Situation. Außerdem wird generell der vorgelassen, der eine bessere Position hat.

Im Haus läuft ebenfalls alles super. Natürlich mit den kleinen Abstrichen, die man zwangsläufig in unserer Situation hat. Das Haus kann abgesehen für Einkäufe und für die Fahrt zur Uni nicht ohne weiteres verlassen werden. So sieht man alle Gesichter in der Arbeits- und Freizeit immer in der gleichen Umgebung. Dafür schlagen wir uns hier sehr gut und das Leben ist sehr angenehm.

19 September 2008

Kabul University

Der Campus der Kabuler Universität ist echt schön. Viel Grün, viele Wiesen, viele Studenten und Studentinnen. Ich habe keine einzige Burka auf dem Campus gesehen. Die Studentinnen tragen allerdings Kopftuch. Die Studenten sind größtenteils recht westlich gekleidet. Mit Jeans und Hemd oder T-Shirt.
Heute hatte ich vornehmlich mit den studentischen Mitarbeitern der IT-Abteilung zu tun. Das dortige IT-Zentrum heißt ITCK, IT--Centre of Kabul. Eine meiner Aufgaben wird es sein, die Bauarbeiten in den Räumlichkeiten des ITCH (IT-Centre of Herat) zu kontrollieren, d.h. einerseits zu planen, wo die Mauern (für die Raumtrennung) gebaut werden und andererseits zu kontrollieren, ob die Mauer auch senkrecht gemauert werden. Anschließend soll die Verkabelung für Strom und Ethernet gelegt werden. Eine Luftabzugsanlage wird ebenfalls installiert. Der Raum liegt schließlich im Keller und es gibt keine Fenster. Insgesamt sollen im Hauptrechnerpool 70 PCs aufgestellt werden, an denen dann Studenten arbeiten können. Im ITCK sieht das wirklich gut und modern aus. Alle Rechnerplätze waren besetzt.
Im Übrigen muß ich in der Öffentlichkeit (d.h. in der Uni) zumindest Hemd und Sacko tragen, damit klar ist, welche Position ich bekleide. Es kann einem ja plötzlich auch der Präsident der Universität gegenüberstehen. Oder der Minister für höhere Bildung. In diesem Fall sollte man hier angemessen gekleidet sein. Das Ministerium für höhere Bildung haben wir heute auch besucht, liegt ja alles in der Nähe des Campus und es sollte auch meiner Vorstellung dienen. Allerdings war der Minister nicht da.
Die Uni in Kabul hat für ihren gesamten Briefverkehr eine echte (analoge) Druckermaschine und riesige Setzkästen mit den unterschiedlichen Buchstaben. Bedient wird die Maschine von 6 afghanischen Mitarbeitern. Als wir heute vormittag dort waren, haben 2 von ihnen geschlafen, 2 haben Tee gekocht und die anderen beiden haben geschnackt. Übrigens verfügt die Uni auch über eine nigelnagelneue digitale Druckermaschine. Es kann sie bloß keiner bedienen, sie steht noch verpackt in irgendeinem Lager. Und außerdem wären alle 6 Druckleute auf einen Schlag arbeitslos.